2604 Scroll-Verhalten Gen-Z

Scroll-Verhalten: Was die Gen Z in den sozialen Medien radikal aussortiert

Johanna
Autor/in: Hanna Rottwinkel
15. April 2026
Nichts ist schneller als der Daumen der Generation Z. Sind die ersten paar Sekunden eines Beitrags in den sozialen Medien nicht aufregend genug, wird weiter gescrollt. Nur was unmittelbar packt und in den von den sozialen Medien trainierten Bann zieht, wird sich angeschaut. Aber was genau sind die mustergültigen “Scroll-Trigger” und was findet bei den Digital Natives, die 27% der Social Media Nutzer*innen ausmachen (YouGov, 2025), überhaupt keinen Anklang?

In diesem Beitrag erfährst du, welche Inhalte vor allem auf den Plattformen Tiktok und Instagram in unserer Generation gnadenlos durchfallen und direkt weggeswiped werden. Und zwar von mir: Hey, ich bin Hanna und aktuell Praktikantin bei skeon digital. Mit meinen zwanzig Jahren bin ich selbst Teil der Generation Z. Auch ich bewege mich täglich in den sozialen Medien und nutze oft meinen Daumen, um mir gewisse Inhalte nicht anschauen zu müssen. 

 

Perfektion als Stressfaktor

Zur heutigen Zeit, in der uns eine negative Nachricht nach der anderen erreicht, wollen wir nicht mehr alles romantisieren (Mach, 2026). Vor allem auf der Plattform Tiktok ist die Ära der perfekten Inszenierungen langsam vorbei. Authentizität und Nähe sind das, was uns wirklich anspricht (Somengo, 2025). Ästhetik ist zwar immer noch gefragt, aber sobald der Inhalt realitätsfern scheint, wird er übersprungen. Das Gefühl, dass alle um einen herum das perfekte Leben leben und man mit seinen eigenen Problemen alleine dasteht, ist bei den Digital Natives keine Seltenheit. 

Der Anteil derjenigen, die ihrer Zukunft optimistisch entgegensehen, ist in den vergangenen Jahren gesunken (Shell Jugendstudie 2024). Von Social-Media-Plattformen und Content Creator*innen wird eine Repräsentation dieser Werte erwartet, kein Widerspruch. Inhalte der sozialen Medien werden konsumiert, um zu unterhalten, zu informieren und ein gutes Gefühl zu vermitteln. Eine Konfrontation mit Problemen, die einen persönlich betreffen, ist in vielen Fällen nicht erwünscht. 

Man könnte meinen, dass unsere Generation sich vor ihren Schwierigkeiten drückt. Dabei ignorieren wir Probleme nicht, wir geben uns oft lediglich Selbstschutz. Schwierige Themen lösen bei uns häufig Stress aus, statt Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen (Rheingold Institut 2024). Vor allem, wenn sie ohne Kontext oder Vorwarnung aus dem Nichts kommen. Oft ist die Daumenbewegung des Swipes dann der einzige Ausweg, um sich vor emotionaler Belastung abzuschirmen. Wir möchten die Welt also nicht durch eine rosarote Brille sehen und uns alles schön reden, wir möchten selbst entscheiden, wann wir uns mit Krisen beschäftigen und nicht von einer inszenierten sozialen Welt überrumpelt werden, in der scheinbar jeder außer man selbst zur Perfektion neigt. Wenn wir in der realen Welt schon das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren (Rheingold Institut, 2024), möchten wir sie wenigstens in der digitalen für uns behalten.

Die künstliche Perfektion wird besonders dort toxisch, wo es um unsere grundlegendsten Bedürfnisse geht: zum Beispiel beim Essen. “Alles was ich heute gegessen habe: Einen Protein Shake, eine Packung Magerquark und Spinat mit einem Spiegelei.” Solche Aussagen bewirken keine Motivation für einen “besseren” Lebensstil, sondern das genaue Gegenteil. Besonders “What i eat in a day”-Videos stoßen derzeit auf Skepsis bei der jüngeren Generation oder können sogar ein gestörtes Essverhalten auslösen (Fischer, 2024). Nur noch künstliche Inhaltsstoffe und viele Proteine, dafür keine Kalorien. Mahlzeiten, die einfach ausgelassen werden, ein Proteinshake reicht als Nahrungszufuhr. Der Großteil ist sich einig: Sein eigenes Essverhalten gesund darzustellen, obwohl es das eigentlich nicht ist (AOK, 2025; Houlihan, 2025) und das anderer Menschen dadurch (passiv) zu beeinflussen, ist ein No-Go. Videos, die solche unrealistischen Inhalte verbreiten, werden bewusst ignoriert, weil sie viele Menschen unserer Altersgruppe stören oder belasten. 

  

Digitale Kurzatmigkeit 

Wer in den ersten Sekunden nicht schlagartig überzeugt, der hat verloren. Nicht nur die Chance auf neue Follows, sondern auch den unerbittlichen Kampf um Reichweite und Views. Es heißt: direkt liefern. Wer zu lange braucht, um das Interesse zu wecken, dem wird die ohnehin schon minimale Aufmerksamkeit noch im selben Augenblick wieder entrissen. Wir haben ein ausgeprägtes instinktives Gespür für die Relevanz und den Mehrwert medialer Inhalte. Innerhalb von Sekunden wird eine Entscheidung gefällt - Stay or Go - ehe schon das nächste Video in den Feed gespült wird (Zebracat, 2025). Sowohl auf TikTok als auch auf Instagram werden kürzere Videos öfter bis zum Ende geschaut als die, die weitaus länger als 15 Sekunden dauern (Robert & Barry, 2026). 

Ein klassisches Kriterium für eine solche Entscheidung ist der Umgang mit Textelementen. Videos mit Untertiteln werden neuerdings deutlich häufiger bis zum Ende geschaut als solche, die nicht mit Text unterlegt sind (Avramenko, 2025; Sonix, 2026). Das liegt vor allem daran, dass Videos mittlerweile auch in der Öffentlichkeit ohne Ton angeschaut werden (Zebracat, 2025). Dennoch bleibt es eine schmale Linie zwischen Text-Mangel und -Overload. Junge Menschen hegen kein Interesse daran, sich durch endlose Textwüsten quälen zu müssen. Sie wollen das Wissen kurz, knapp und visuell aufbereitet vorgelegt bekommen. Falls das gesamte Video mit Text überzogen ist, oder die Caption gar nicht mehr aufzuhören scheint, ist es Zeit für den nächsten Beitrag. Daher ist wichtig zu wissen: Untertitel sind oft gewünscht, aber mehr ist schnell auch schon zu viel.  

Wer glaubt, die erste Hürde gemeistert zu haben, täuscht sich oft. Denn selbst wenn der Einstieg sitzt, lauert bereits ein weiterer Grund für den Abbruch. Sobald ein Video das Gefühl vermittelt, nur unnötig Zeit zu stehlen, ohne zum Punkt zu kommen, ist die Aufmerksamkeit dahin. Nichts wird schneller bestraft als Beiträge, die ihre Botschaft, angenommen sie existiert, hinter inhaltslosen Minuten verstecken. In einem Alltag, in dem wir mit zig Unterbrechungen pro Tag kämpfen und den wir ohnehin schon als kompliziert wahrnehmen (Rheingold Institut, 2024), setzt jeder Moment ohne echten Wert einen Impuls zum Weiterscrollen. 

Ein hektischer Schnittstil als Lösung für dieses Problem war gestern. Heute ist das Gegenteil der Fall: Gen Z fühlt sich ohnehin schon, als würden sie in einem Meer von Reizen drohen unterzugehen. Cuts im Sekundentakt gelten nicht mehr als Entertainment, sondern bedeuten Stress und Erschöpfung (Strategiepool, 2025). Sie führen uns nochmal vor Augen, was mittlerweile sowieso jeder verstanden haben sollte: eine Aufmerksamkeitsspanne so kurz wie ein Wimpernschlag und die Sucht nach neuen Reizen im Sekundentakt, der doch eigentlich die Mehrheit entkommen wollte. Wer versucht, Aufmerksamkeit durch künstliche Hektik zu erzwingen, wird als anstrengend abgestempelt und sofort weggeswiped. Der Trend wandert jedoch von vielen Schnitten hin zu einem schnellen Sprechtempo. Nicht umsonst lassen sich jegliche Formate mittlerweile in doppelter Geschwindigkeit abspielen. Indem man seinen Finger lange auf die rechte Seite des Smartphones legt, wird das Video auf TikTok oder Instagram in zweifacher Geschwindigkeit abgespielt. Auch beispielsweise auf Whatsapp ist dieses Feature bei Sprachnachrichten möglich. Wenn die Person vor der Kamera zu langsam spricht, sorgt die Person dahinter mit Gedrückthalten selbst dafür, ihre Zeit einzusparen. 

 

Intelligenz ohne Emotion

So künstlich wie der Erdbeergeschmack im Proteinshake der Influencer*innen ist auch die Intelligenz, die heutzutage hinter jedem zweiten Video steckt. Trafen offensichtliche KI-Inhalte anfangs auf Belustigung und Faszination, werden sie heute zunehmend verurteilt (Kurier, 2025). 

Am auffälligsten betroffen sind wohl die Beiträge, die unechte Personen präsentieren, die über sämtliche Inhalte reden oder anderweitig unterhalten sollen. Sei es ein Friedrich Merz, der lipsynct und tanzt, oder ein frei erfundener Charakter, der seine neuesten politischen Erkenntnisse preisgibt, ohne dass seine Mundbewegungen zum Gesagten passen. Auch wenn diese Videos von einigen als humorvoll aufgenommen werden, ist diese Art von Content für die meisten inzwischen ein guter Grund, um zum nächsten Video zu gehen. Nur 28% fühlen sich von KI-generiertem Content unterhalten (Rand, 2026). Wie zuvor thematisiert, sind Echtheit und Intimität gefordert, kein Avatar, der einen mit aufgerissenen Augen und dem breitesten Grinsen anstarrt. Es ist das Gefühl der Manipulation. Wenn eine Maschine vorgibt, eine Meinung zu haben oder eine Empfehlung auszusprechen, wird das wichtigste Gesetz der sozialen Medien gebrochen: die Zwischenmenschlichkeit.

 

Werbung 

Werbeanzeigen sind ein weiterer Knackpunkt unserer Generation. Ein weiterer Anlass, um mit dem Daumen schnell über den Screen zu wischen. 74% von uns fühlen uns von der Menge an geschalteten Social Ads regelrecht überschüttet (Feeley, 0. J). Es ist das Ärgernis über die Vermarktung von einem Produkt, das man eh niemals kaufen würde. Hier verkürzt sich unsere Aufmerksamkeitsspanne tatsächlich noch ein Stück mehr. Wenn du möchtest, dass wir deine Ware als Ausnahme betrachten und einen vermeintlichen Kauf doch in Betracht ziehen, hast du genau 1,3 Sekunden (Lebow, 2022). Jedoch fällt uns meistens sofort auf, wenn es sich um Werbung handelt, und diese wird in der Regel sofort geskippt (Zebracat, 2025; Feeley, o. J.). 

 

Kurz und knapp: So punktest du bei uns

  • Hook in wenigen Sekunden: Visuell oder inhaltlich sofort liefern
  • Perfektion wirkt suspekt, Authentizität schafft Vertrauen
  • Sanfter Einstieg bei schwerwiegenden Themen
  • Mehrwert vor Ästhetik: Informiere, unterhalte oder löse ein Problem
  • Barrierefreiheit: Nutze Untertitel, aber verzichte auf Textwüsten
  • Tempo und Schnitt und Länge im Gleichgewicht 
  • Echte Menschen vor der Kamera, keine künstlichen Avatare

 

Fazit

Letztendlich ist das Scroll-Verhalten der Gen Z eine notwendige Reaktion auf eine Welt voller Reizüberflutungen. Wir sieben radikal aus, um unsere mentale Energie für das zu bewahren, was wirklich zählt. Ob es die künstliche Welt der Fitness-Influencer*innen ist oder der verzweifelte Versuch von (KI-)Werbung: Die Grenze wird gezogen, sobald die Realität ignoriert wird. Wir scrollen nicht weg, weil wir nicht zuhören können, sondern weil wir nur noch denen zuhören wollen, die es ernst meinen. Wer uns erreichen will, muss aufhören, Perfektion zu inszenieren oder unsere Zeit mit inhaltslosen Minuten zu stehlen. Wir kennen das Internet vermutlich so gut wie keine andere Generation und haben auch das beste Gefühl für den dort zu findenden Content. Wir wissen genau, was wir sehen wollen und was nicht. Und sobald das nicht unser Gehirn erreicht, ist der Reiz an den Daumen schon am Ende seines Weges.

 

Quellen

  • Avramenko, I. (2025). How subtitles help reach Gen Z and Gen Alpha. Air
  • AOK. (2025). Soziale Medien und ihr Einfluss auf das Essverhalten.
  • Feeley, M. (o. J.). Gen Z don’t want to watch your ads. NewDigitalAge
  • Fischer, J. (2024). Lifestyle, Gesundheit, Ernährung: Essstörungen und Social Media. ELLE
  • Houlihan, C. (2025). Those 'what I eat in a day' TikTok videos aren't helpful. They might even be harmful. The Conversation.
  • Kurier. (2025). TikTok reagiert auf Kritik: Neue Tools soll KI-Inhalte regulieren.
  • Mach, J. (2026). Passive Scrolling Is Dead - Here's What TikTok's 2026 Report Actually Means for Your Brand. zoomsphere.
  • Rand, S. (2026). Gen Z media consumption 2026: What 1,000 young Americans told us. Attest.
  • rheingold Institut. (2024). GenZ 2024: Generation Überdruck. Studie zur GenZ: Lebenswirklichkeit, Politik und Wahlverhalten sowie Wahrnehmung der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Verband der Chemischen Industrie (VCI).
  • Robert, A. L., & Barry, E. (2026). Social media attention span statistics. SQ Magazine.
  • Shell Deutschland. (2024). 19. Shell Jugendstudie 2024: Zusammenfassung. Beltz Juventa.
  • Somengo. (2025). Authentizität Gen Z.
  • Sonix. (2026). 11 subtitle generation trends: Key statistics every content creator needs to know.
  • Strategiepool. (2025). Videos in sozialen Netzwerken: Warum sie immer weniger wirken!.
  • YouGov. (2025). Media consumption report Germany 2025.
  • ZebraCat. (o. J.). Gen Z marketing statistics.

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